Einbringung „Für die Begegnung mit Muslimen“ (DS30) durch Dr. Ilka Werner

Hohe Synode,

ich danke herzlich für die Gelegenheit, zu Beginn der Synode und der Debatte die Ihnen als Drucksache 30 vorliegende Beschlussvorlage „Für die Begegnung mit Muslimen“ vorstellen zu können.

(I)

Im Dezember 2014 hat die Kirchenleitung beschlossen, den Text „Weggemeinschaft und Zeugnis“ nicht der Landessynode vorzulegen und ihn stattdessen als Arbeitshilfe mit einem Fragebogen und der Bitte um Rückmeldungen zu veröffentlichen. Für die Synode 2018 wurde im selben Beschluss eine grundsätzliche Verhältnisbestimmung zum Islam vorgesehen und der Theologische Ausschuss damit beauftragt, federführend unter Mitberatung des Ausschusses für öffentliche Verantwortung, des Ausschusses für Erziehung und Bildung, des Innerkirchlichen Ausschusses sowie der Fachgruppen Christen und Muslime und Christen und Juden eine „Positionsbestimmung eines theologisch-reflektierten Verhältnisses zum Islam“ zu erarbeiten.

„Weggemeinschaft und Zeugnis“ erschien im September 2015 im Druck, die Rückmeldungen sollten zunächst bis September 2016 erfolgen, die Frist wurde bis Sommer 2017 verlängert.

Der Theologische Ausschuss berief aus allen sechs beratenden Gremien eine „AG Islam“, die im September 2015 die Arbeit aufnahm.

Diese AG Islam hat den Ausschüssen zwei Texte vorgelegt: einmal das theologische Lesebuch „In der Begegnung mit Muslimen“ mit eigens verfassten kurzen Texten zur Geschichte von Muslimen und Musliminnen in Deutschland, zu den bisherigen kirchlichen Veröffentlichungen zum christlich-muslimischen Verhältnis und zu Aspekten des Missionsbegriffs, der biblischen Theologie, des Dialogs sowie zur Theologie der Religionen. Die AG hat nach Zustimmung der Ausschüsse die Kirchenleitung darum gebeten, dieses Lesebuch zu drucken und frühzeitig zur Vorbereitung auf die Synode an die Synodalen zu verschicken; im September 2017 ist es Ihnen zugänglich gemacht worden. (Ich hoffe, Sie haben darin lesen können!)

Der zweite Text ist die vorliegende Drucksache, der alle mitberatenden Ausschüsse in zwei Lesungen zugestimmt haben, wobei sie nach dem Wunsch der AG und der Ausschüsse mit einer kontextualisierenden Einleitung beginnen sollte, die die Kirchenleitung für den Druck gestrichen hat.

(II)

Es wird in der Diskussion dieser Synode also um die Positionsbestimmung eines theologisch-reflektierten Verhältnisses zum Islam gehen. Die AG Islam hat „Positionsbestimmung“ so verstanden, dass es darum geht, den eigenen Standpunkt bzw. die eigene Perspektive zu beschreiben und zu reflektieren. Das bedeutet, über sich selbst angesichts der Anderen nachzudenken: Was in meiner eigenen Tradition orientiert mich im Verhältnis zu diesem Gegenüber? Was in unserer christlichen Tradition orientiert uns als Synode der EKiR im Gegenüber zu den Musliminnen und Muslimen?

Die AG Islam geht davon aus, dass der christliche Glaube an den dreieinigen Gott als Schöpfer der ganzen Welt und aller Menschen uns als Christen und Christinnen dazu drängt, nach der theologischen Bedeutung des Glaubens der Muslime zu fragen und den Dialog als kirchliche Aufgabe zu begreifen. Barbara Rudolph hat es bei der Pressekonferenz im Dezember so beschrieben: „Gehen wir davon aus, dass auch die Muslime auf der Suche nach dem einen Gott sind? Oder sehen wir in ihrer Religionsausübung einen Weg, der von Gott wegführt?“

Die EKiR stellt sich diese Fragen nicht zum ersten Mal, sondern berät und veröffentlicht seit gut 20 Jahren immer wieder Texte, die das Verhältnis von Islam und Christentum theologisch reflektieren und so die Begegnungen vor Ort begleiten.

Ich will kurz auf die wichtigsten eingehen, ausführlicher finden Sie das im zweiten Kapitel des Lesebuches.

1998 veröffentlichte die EKiR eine Broschüre zur Frage gemeinsamen Betens unter dem Titel „Christen und Muslime nebeneinander vor dem einen Gott“. Der Text gehört in den Kontext einer auch in anderen kirchlichen Verlautbarungen spürbaren theologischen Neubestimmung der Beziehungen zu den nichtchristlichen Religionen – weg von einem Konfrontationsdenken hin zu einem Beziehungsdenken. Diese Neubesinnung ist veranlasst durch die Erfahrungen des alltäglichen Zusammenlebens mit Muslimen und Musliminnen, gründet aber in friedensethischen und theologischen Überlegungen.

Die Orientierungshilfe geht vor allem auf die Unterschiedlichkeit der Gottesvorstellungen ein und betont, dass zwischen Gott und Gottesbildern zu unterscheiden sei: „Auch wenn Menschen und Religionen verschieden von Gott reden, schafft die Vielzahl von Gottesbildern und Religionen keine Vielzahl von Göttern“ (Seite 23).

Drei Jahre später (2001) geht die Arbeitshilfe „Mission und Dialog in der Begegnung mit Muslimen“ auf das Missions- und Dialogverständnis ein. Sie hält fest, dass es im Blick auf Mission nicht um die Verbreitung des eigenen Standpunktes ankommt, sondern darauf, von sich weg auf Jesus Christus und dessen Einladung zum Reich Gottes zu verweisen. Der Dialog lebt von Toleranz und dem Wechsel der Perspektiven, d.h. dem Bemühen, die Anderen von ihrem Selbstverständnis her wahrzunehmen.

2009 beschäftigte sich diese Landessynode mit der Arbeitshilfe „Abraham und der Glaube an den einen Gott“ und nahm die Ausführungen zur Abrahamtradition und Trinitätslehre als theologischen Impuls für den Dialog zustimmend zur Kenntnis. In der Schlussbemerkung dieses Textes wird festgehalten, dass Christen wie Muslime um die Unterscheidung zwischen ihren Gemeinschaften wissen, aber doch in der Freiheit ihres Glaubens und der Bindung ihrer Gewissen den einen Gott voreinander und vor der Welt bezeugen.

Die 2010 verabschiedete Leitvorstellung „Missionarisch Volkskirche sein“ beschreibt die EKiR als Kirche, die auf Menschen zugeht, um sie mit dem Evangelium in Kontakt zu bringen und sie zum Glauben einzuladen, und betont: „In der Form der Einladung entspricht Mission der Freiheit des Glaubens.“ (Seite 8) Judenmission und organisierte Abwerbung von Mitgliedern anderer christlicher Konfessionen werden ausdrücklich abgelehnt, Muslime werden in dem Zusammenhang nicht erwähnt.

Die Handreichung „Religionsfreiheit gestalten“, eine Vorlage für die Synode 2013, entwickelt den Begriff der dialogischen Toleranz, der die Einsicht voraussetzt, dass religiöse Überzeugungen in einer je eigenen Geschichte verwurzelt sind, die Menschen sich nicht ausgesucht haben und die sie daher auch nicht ohne weiteres von sich aus wechseln können. Damit wird den Angehörigen einer anderen Religion zugestanden, was man für den eigenen Glauben in Anspruch nimmt: die Erfahrung, dass er Gabe und Verpflichtung zugleich ist.

Deutlich wird: In der theologischen Arbeit der Landeskirche wird seit mindestens 20 Jahren daran gearbeitet, in der Beziehung zum Islam sowohl das eigene Glaubenszeugnis zu bewahren als auch die Muslime und Musliminnen als Gläubige ernst zu nehmen, deren Gottesbeziehung für Christen von theologischer Relevanz ist: weil Christen glauben, dass Gott an der ganzen Welt, also auch an muslimischen Menschen, handelt, und weil Muslime ihrem Selbstverständnis nach den Gott Abrahams, also den einen Gott der Juden und Christen, anbeten.

Die Reihe dieser Texte wurde durch „Weggemeinschaft und Zeugnis“ (2015) fortgesetzt. Das Grundanliegen fasst Rafael Nikodemus im „Lesebuch“ wie folgt zusammen: „In der zunehmend multikultureller, multireligiöser und atheistischer werdenden Gesellschaft ist es geboten, dass Christinnen und Christen deutlich und vernehmbar von dem Rechenschaft ablegen, was sie trägt und aus welcher Quelle sie leben. (…) Wir sind Musliminnen und Muslimen unser Glaubenszeugnis (in Wort und Tat) schuldig, aber wir begegnen ihnen nicht in Konversionsabsicht. Es geht darum, Musliminnen und Muslimen wertschätzend zu begegnen, sich auch an der Andersheit der Anderen zu freuen oder zu fragen, was sie uns damit zu sagen haben und was wir gemeinsam tun können. Deshalb geht es um der gemeinsamen Zukunft Willen darum, Weggemeinschaften mit muslimischen Menschen zu entwickeln, in denen wir gemeinsam diese Gesellschaft gestalten.“ (Seite 41)

Die Debatte um dieses Heft war heftig und zeigt, dass die theologischen Grundsatzfragen des Dialogs zwischen Christentum und Islam neu auf die Tagesordnung gehören. Neben der Kritik an nicht zu bestreitenden handwerklichen Mängeln konzentrierten sich, soweit ich das übersehe, die Einsprüche auf die Frage der Mission und des Missionsverständnisses und der – befürchteten oder vermuteten – Relativierung der christlichen Theologie zugunsten einer Theologie der Religionen. Weil diese Debatte und die Arbeit der AG Islam zeitlich parallel liefen, konnten die Texte der AG nur eingeschränkt dazu Stellung nehmen. Die Auswertung haben Beate Sträter und Rafael Nikodemus vorgenommen, den Link dazu haben Sie im September bekommen. Im Lesebuch finden Sie Beiträge, die Denkräume für die Weiterarbeit an den strittigen Fragen beschreiben.

Positiv wertet der emeritierte Tübinger Professor für Theologie der Kultur und des interreligiösen Dialogs, der katholische Theologe Karl-Josef Kuschel „Weggemeinschaft und Zeugnis“ in seinem 2017 erschienenen (großartigen!) Band „Die Bibel im Koran“ in zweierlei Hinsicht als „über vergleichbare kirchliche Stellungnahmen“ hinausragend: „Zum einen durch sein biblisch fundiertes Bemühen, das eigene christliche Glaubenszeugnis abzulegen, ohne Brücken zum Islam zu minimieren. (…) Zum anderen wird wie nirgends sonst in kirchlichen Stellungsnahmen zum Islam nicht nur gefragt, „welches Zeugnis Christen gegenüber Muslimen zu geben haben“, sondern erstmals auch umgekehrt, „was Christen im Dialog mit Muslimen in der missio dei zu lernen hätten: Was ist die Mission der Muslime für uns?“ (620f)

(III)

Der Auftrag der AG Islam war es nicht, eine weitere theologische Ausarbeitung vorzulegen, sondern die Synode in die Debatte um eine Positionsbestimmung zu führen und um einen Beschluss zu bitten, der für die wichtigsten theologischen Beziehungsfragen einen weitgehenden Konsens (oder Dissens) formuliert.

Dabei haben wir in den zwei Jahren der Arbeitsgruppenarbeit immer wieder die Erfahrung gemacht, dass eine theologische Beschäftigung mit dem Islam oft von politischen und sozialen Themen, verstörenden aktuellen Ereignissen und tief empfundenen Emotionen überlagert wird.

Auf der einen Seite wird gelegentlich geäußert, die theologische Verhältnisbestimmung sei gegenüber praktischen Hilfen und Handreichungen unwichtig. Dazu meinen wir: Kirchliche Praxis und theologische Reflektion sind nicht zu trennen, die Praxis verlangt nach theologischer Fundierung wie auch theologische Positionen danach zu befragen sind, zu welcher Praxis sie führen.

Auf der anderen Seite heißt es, die theologische Verhältnisbestimmung sei gegenüber einem zunehmend als politische Ideologie auftretenden Islam und den daraus erwachsenden realen und konstruierten Gefahren für die europäische Kultur und Demokratie naiv. Wir haben uns intensiv damit auseinandergesetzt. Und wir halten fest: Die theologische „Sache“ kann und will die Auseinandersetzung mit sozialen und politischen Fragen nicht ersetzen. Sie wird durch die Dringlichkeit und manchmal Übermächtigkeit der „Lage“ aber nicht unwichtig. Die konzentrierte Beschäftigung mit theologischen „Beziehungsfragen“ zwischen Christentum und Islam ist dann nicht naiv, wenn bewusst bleibt, dass sie nur ein kleiner Ausschnitt der komplexen Auseinandersetzungen ist. Sie ist dann ein Ausdruck des theologischen Friedensauftrags der Bibel, das Böse mit Gutem zu überwinden, und eine ausgestreckte Hand gegenüber allen muslimischen Akteuren und Akteurinnen, die ihrerseits dem theologischen Friedensauftrag des Islam verpflichtet sind.

Erlauben Sie mir hier eine persönliche Bemerkung: In Solingen jährt sich 2018 der islamfeindliche Brandanschlag auf die Familie Genc, bei dem fünf junge Frauen und Mädchen starben, zum 25. Mal. Der evangelische Kirchenkreis hat zusammen mit der Stadt die Moscheegemeinde eingeladen, in den Räumen der Stadtkirche an diesem Abend ein gemeinsames Gebet der Religionen und ein muslimisches Iftar-Essen zu veranstalten. Dass das möglich ist, verdanken wir der langjährigen gemeinsamen theologischen Arbeit und der Überzeugung, je anders und trotzdem gemeinsam auf der Suche nach dem einen Gott zu sein. Für mich wird daran sichtbar, was ein Psalmvers beschreibt, der mir im Jahr des Reformationsjubiläums immer wichtiger geworden ist: Du, Gott, stellst meine Füße auf weiten Raum (Ps 31,9).

Eine theologische Synodaldebatte, das ist uns als Verfasserinnen und Verfassern der Synodalvorlage bewusst, kann keine politischen und sozialen Herausforderungen bewältigen. Sie kann aber eben helfen, in der konkreten politischen und sozialen Situation theologisch zu orientieren, die historische Vielfalt der wechselseitigen Beziehungen von christlichen und islamischen Traditionen in Erinnerung zu rufen und den aktuellen Reichtum muslimischer wie christlicher Theologie bewusst zu machen.

(IV)

Die Synodalvorlage (DS 30) ist überschrieben: Für die Begegnung mit Muslimen.

Gemeint ist damit: Ermutigung zur und Orientierung in der Begegnung.

Die Positionsbestimmung nimmt die seit langem diskutierten Fragen nach dem Gottesverständnis, nach den Berührungspunkten der Traditionen und nach dem Verständnis von Mission auf und drückt in sechs Punkten aus, wie wir als Christinnen und Christen der EKiR uns selbst verstehen und wie wir die Muslime und Musliminnen wahrnehmen, was wir bei aller Verschiedenheit gemeinsam haben und was unsere Gespräche zum Ziel haben sollen (und was nicht). Ferner, was wir unsererseits für das Zusammenleben tun wollen, auf welchen gesetzlichen Rahmen wir uns unverhandelbar beziehen und was die nächsten Schritte sein können.

Ich will den Gedankengang zusammenfassend erläutern:

Christinnen und Christen verfügen nicht über ihren Glauben an den einen Gott, sie „haben“ ihn nur im Hören auf die heiligen Schriften und durch das Wirken der Gnade Gottes und erfahren ihn als Bindung an Jesus als den Christus. Handlungsleitend für Christen ist das Beispiel Jesu Christi, der sich unterschiedlichsten Menschen frei von Berührungsängsten gnädig zuwendet.

Muslime sagen, auch sie glauben an den einen Gott Abrahams.

Dazu folgendes: Als Christen können wir nicht darüber urteilen, ob es „derselbe“ Gott ist, denn eine solche Aussage quasi von oben „über“ Gott können wir als Menschen nicht machen; Gott würde damit zum Objekt unserer Analysen. An diese Grenze stoßen wir in der christlichen Theologie auch in anderen Punkten, etwa bei der Prädestinationslehre oder der Theodizee: Gott bleibt unverfügbar. Wir können nicht über Gott reden, sondern nur von Gott erzählen.

Wir können darum „von unten“ theologisch sagen: Juden, Christen und Muslime glauben – ihrem Selbstverständnis nach – an „den einen“ Gott. Wir reden dann von Gott, der nach christlichem Bekenntnis an der ganzen Welt schöpferisch und bewahrend handelt. Und wirnehmen ernst, dass wir nicht über ihn urteilen können, dass wir nicht aus der Vielheit der Gottesvorstellungen auf eine Vielheit von Göttern schließen können und dass wir Gottes Möglichkeiten der Selbstbezeugung nicht durch das, was wir erkennen und glauben, begrenzen dürfen. Wir nehmen die anders Glaubenden dann in ihren Selbstzeugnissen ernst. Darum sagt die Synodalvorlage: Wir nehmen das Zeugnis muslimischer Menschen als Ausdruck von deren Bindung an den einen Gott wahr. Die Kreissynode Wetzlar sieht das anders und hat diesbezüglich einen Antrag gestellt; wir werden das zu diskutieren haben.

Wichtige Traditionen der hebräischen Bibel haben Nachgeschichten nicht nur in rabbinischen Texten und im Neuen Testament, sondern auch im Koran: Adam, Noah, Abraham, Mose, Josef und seine Brüder, Maria und Jesus, sie alle kennt auch der Koran. Dabei setzt jede Religion ihre eigenen theologischen Akzente. Die christliche Theologie etwa deutet die messianischen Verheißungen des Alten Testaments lange Zeit ausschließlich christologisch. Jüdische Theologie wird dabei nicht ernst genommen. In vergleichbarer Weise eignet sich der Koran die auf der arabischen Halbinsel offensichtlich bekannten jüdischen und christlichen Traditionen so an, dass sie auf die koranische Botschaft hinweisen. Jüdischer und christlicher Theologie gerecht wird das oft nicht.

Dass biblische Geschichten in den Koransuren eigene Deutungen erfahren und für die Situation der ersten Muslime in Mekka oder Medina ausgelegt werden, bildet darum Ansatzpunkte für ein interreligiöses Gespräch. In einem solchen Gespräch geht es nicht darum, Unterschiede abzuschleifen oder zu verleugnen oder einen kleinen gemeinsamen Nenner zu bestimmen. Es geht um klare Formulierungen des jeweils Eigenen, Wahrnehmungen und Rückfragen, wie es zu einer bestimmten Deutung kommen konnte, und letztlich um die Frage: Trifft das, was einmal (vielleicht) zu Recht abgelehnt wurde, noch die jetzige Gestalt der anderen Religion? Oder können wir mit dem Wissen von heute auf die Verurteilung verzichten und die anderen Theologien mit Respekt als andere Theologien wahrnehmen?

In einer nicht mehr christlichen, sondern religiös pluralen Gesellschaft gilt es mehr als früher, den eigenen christlichen Glauben zu erklären, zu bezeugen und anderen davon begeistert zu erzählen: zu zeigen, was (besser: wen) wir lieben. Dieses Glaubenszeugnis als Hinweis auf Jesus Christus ist unsere Aufgabe an der Welt und auch gegenüber den Muslimen und Musliminnen. Dass Christen und Christinnen dabei ihren Glauben nicht zurückstellen müssen, ist meines Erachtens genauso selbstverständlich wie ein aufmerksames Eingehen auf die Situation der Gesprächspartner und die Freude darüber, wenn jemand selbst Christ oder Christin werden möchte. In diesem Sinne ist Mission, das hat sich in der bisherigen Diskussion geklärt, eine unverzichtbare Grunddimension kirchlichen Handelns und führt in den interreligiösen Dialog, dessen Ziel die Weggemeinschaft ist.

Irgendwie in der Schwebe blieb bisher jedoch die Frage, ob Muslime, wenn sie Muslime bleiben, als religiös unvollkommen oder irrend wahrgenommen werden und darum eigentlich Christen werden müssten. Das hängt davon ab, ob wir das Zeugnis muslimischer Menschen als Ausdruck von ihrer Bindung an den einen Gott wahrnehmen können und wollen. Die Vorlage der AG Islam sagt dazu ja und stellt folgerichtig fest, dass nicht die Konversion von Muslimen Ziel des Dialogs ist. Dialog und Mission sind ein gegenseitiges Geschehen, bei dem beide Partner füreinander eine Mission haben.

Eine theologische Positionsbestimmung findet Ausdruck im ihr entsprechenden Handeln. Interreligiöse Begegnung ist keine „Schönwetterangelegenheit“, im Gegenteil, sie wird in schwierigen politischen Konstellationen immer wichtiger als ein Beitrag zu Verständigung, Beheimatung und sozialem Frieden. Darum beschreibt die Vorlage den christlich-muslimischen Dialog und das Eintreten gegen Rassismus, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit sowie, wie die Kirchenleitung ergänzen möchte, gegen religiösen Extremismus als kirchliche Aufgabe.

Die christliche Theologie hat lange darum gerungen, die Menschenrechte – und darunter besonders das Recht auf Religionsfreiheit als das Recht, eine Religion zu haben oder nicht zu haben oder zu wechseln – als säkulare Entsprechung der biblischen Rechtstradition und Gnadenbotschaft wahrzunehmen und die Trennung von Religion und Politik als Gewinn zu betrachten. Die islamische Theologie hat diese Aufgabe in weiten Teilen vor sich. Wichtig ist es uns, diejenigen muslimischen Organisationen, die sie bewältigen wollen, dabei nach Kräften zu unterstützen.

Abschließend formuliert die Vorlage die Bitte an die Kirchenleitung, den Prozess der Begegnung und theologischen Verhältnisbestimmung weiterzuführen und zu stärken.

(V)

Soweit die Vorlage. Die Diskussion über den Wortlaut und gewünschte Änderungen werden wir in den vier beteiligten Ausschüssen führen. Jetzt gleich haben Sie Gelegenheit, in die Debatte über den Duktus und die inhaltlichen Akzente der Vorlage einzusteigen.

Für die Debatte möchte ich noch zu bedenken geben: Ein Beschlussvorschlag wie dieser formuliert einen theologischen Konsens (oder, so das nichtmöglich ist, einen theologischen Dissens) dieser Synode. Er ist keinerlei Lehrentscheidung. Er wird – in welcher Form wir ihn am Freitag auch verabschieden werden – immer einigen zu weit und anderen nicht weit genug gehen. Er kann genau darum einer theologisch-reflektierten Weggemeinschaft der Religionen in unserer Gesellschaft Kontur und Antrieb geben. Im besten Fall wird er zum Orientierungspunkt unseres Weiterdenkens und unserer Weiterarbeit.

Ich danke Ihnen fürs Zuhören und freue mich auf unsere Diskussion.