Andacht Andrew Schäfer und Kaan Orhon

Begrüßung 

Schäfer:

Guten Morgen, Hohe Synode! Herzlich willkommen zum letzten Tag der Synodenverhandlungen dieses Jahres! Nach arbeitsreicher Woche und hoffentlich nicht allzu ermüdet oder ernüchtert gar kommen die Marathonläufer von der Strecke ins Stadion – eine Runde ist noch zu laufen, aber das Ziel ist schon zu sehen.

Herzlich willkommen zur Andacht, die Kaan Orhon und ich heute Morgen gestalten dürfen.

Ich möchte Ihnen meinen Partner, Kaan Orhon, kurz vorstellen:

Herr Orhon leitet die Bonner Salafismus-Beratungsstelle von Hayat, er ist Muslim und hat Islamwissenschaften studiert. Er befasst sich täglich und praktisch mit den Schattenseiten von Religion, dem konfliktträchtigen, dem lebensverneinden und sogar gefährlichen Teil davon.

Er tut dies als Muslim und schöpft für diese bisweilen harte Arbeit Kraft und Hoffnung aus seinem Glauben.

Orhon:

Hohe Synode, herzlich willkommen auch von mir.

Ich danke Ihnen sehr herzlich für die Einladung und die Möglichkeit, die Andacht zu Beginn Ihrer Verhandlungen dieses Tages als Gast mitzugestalten.

Auch ich möchte Ihnen meinen Partner vorstellen, obwohl viele von Ihnen ihn gewiss länger kennen als ich:

Andrew Schäfer ist Ihr Weltanschauungsbeauftragter. Er ist evangelischer Christ, Theologe und Pfarrer, und er leitet die Beratungsstelle für Weltanschauungsfragen in Ihrer Kirche. Eine wichtige Voraussetzung, seine Arbeit machen zu können, ist auch für ihn sein christlicher Glaube, der ihm den nötigen Mut und Optimismus gibt.

Wie ich befasst auch er sich mit den dunklen Seiten des Religiösen. Sein Feld ist weiter gesteckt als meines, es betrifft den Bereich aller Religionen und Weltanschauungen.

Darin, Hohe Synode, wird ein Doppeltes deutlich:

Fanatismus, Extremismus und Fundamentalismus sind Phänomene nicht einer Religion, wie es manchmal in der Öffentlichkeit erscheinen mag, sondern sind Optionen des Menschseins, egal welcher Religion oder Weltanschauung jemand angehört.

Schäfer:

Und das Andere ist dies, Hohe Synode: wir zwei glauben nicht Dasselbe!

Wir sind uns in vielen wichtigen, auch theologischen Dingen sehr nah, etwas, das wir in der langen Zeit unserer Zusammenarbeit immer wieder entdeckt haben. In anderen, theologischen und Glaubensfragen unterscheiden wir uns aber.

Die hohe Wertschätzung, die Kaan Orhon Jesus, dem Sohn der Maria, wie er sagen würde, entgegenbringt, ist doch anders als die, die mich bestimmt.

Es trennt uns auch die Sicht des Propheten Mohammed und seine Bedeutung für unseren jeweiligen Glauben. Um nur 2 Themen zu nennen…

Wir wollen den Reichtum, der gerade in unseren Unterschieden liegt, nicht marginalisieren. Das erlauben uns auch die Konfliktpotenziale, die in unseren Religionen liegen, nicht. Die kulturellen und religiösen Differenzen, die wir erleben, erfordern zur Befriedung die Wahrnehmung der Differenz! Übrigens auch deren Wertschätzung.

Es hat sich für uns erwiesen und ist unsere Erfahrung: unsere verbindende Aufgabe lautet: gemeinsam evangelisch und muslimisch zu handeln im Kontext religiöser Pluralität und erst recht im Angesicht des Extremen.

Das gilt jedenfalls für uns zwei, wenn wir vor dem Hintergrund unseres jeweiligen Glaubens über Beratungsfälle sprechen, theologisch diskutieren oder zur Vorbereitung der heutigen Andacht letzte Woche gemeinsam das Freitagsgebet in der Moschee zu besuchen.

Wir wissen, dass wir uns mit unserem jeweils Anderen und Eigenen nicht vereinnahmen wollen, dass wir uns brauchen wie wir sind, und dass wir uns unseren Glauben bezeugen. Dazu gehört für uns Christinnen und Christen, dass wir auch diese Andacht nicht in unserem eigenen Namen beginnen, sondern im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Orhon:

 Letzte Woche trafen wir uns beim religiösen Freitagsgebet, also in meiner religiösen Heimat, und einen Freitag später sind wir bei Ihnen und feiern eine christliche Andacht.

Dazu gehört es, so habe ich gelernt, dass Sie mit einem gemeinsamen Lied beginnen. Herr Schäfer und ich haben uns überlegt, welches Lied aus Ihrem Gesangbuch für einen Anlass wie diesen passte.

Wir haben das Lied „Morgenlicht leuchtet“ (EG 455) ausgesucht.

Dieses Lied in der Übertragung von Cat Stevens, der nach seinem Übertritt zum muslimischen Glauben als Yusuf Islam bekannt wurde, wurde zum Welterfolg. „Morning has broken“ kennen nicht nur die Älteren unter uns. Yusuf Islam singt es noch immer.

Die in diesem Lied ausgedrückte Schöpfungstheologie wie auch die Motivik des Garten Eden kann ich als Muslim gut hören.

Lassen Sie uns also zu Beginn die ersten beiden Strophen des Liedes 455, „Morgenlicht leuchtet“, singen. Zum Abschluss werden wir dann noch die dritte Strophe singen.

Eingangslied          „Morgenlicht leuchtet“ EG 455 (2 Strophen)                              

Psalmlesung           Ps 8 (nach EG 705)

 Lassen Sie uns gemeinsam den Psalm 8 beten. Sie finden ihn unter der Nummer 705 im Gesangbuch. Ich möchte mit allen Männern im Raum beginnen, und bitte die Frauen, die eingerückten Abschnitte zu beten.

Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen,

der du zeigst deine Hoheit am Himmel!

Aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge

hast du eine Macht zugerichtet um deiner Feinde willen.

Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk,

den Mond und die Sterne, die du bereitet hast:

was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst,

und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?

Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott,

mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.

Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk,

alles hast du unter seine Füße getan:

Schafe und Rinder allzumal,

dazu auch die wilden Tiere,

die Vögel unter dem Himmel und die Fische im Meer

und alles, was die Meere durchzieht.

Herr, unser Herrscher,

wie herrlich ist dein Name in allen Landen.

Sure 17:61-62 und 2:30 – gelesen von Kaan Orhon

„Hohe Synode, zu diesem Psalmwort habe ich eine koranische Passage gesucht, die ebenfalls nach der Bedeutung des Menschen mit all seinen Ambivalenzen  fragt im Angesicht Gottes. Ich lese aus den Suren 17 und 2 zunächst im arabischen Original, dann in der Übersetzung:“

Und als Wir zu den Engeln sagten: „Werft euch vor Ādam nieder.“ Da warfen sie sich nieder, außer Iblīs – mit anderem, Ihnen vertrauteren Namen Satan oder Luzifer. Er sagte: „Soll ich mich vor jemandem niederwerfen, den Du aus Lehm erschaffen hast?“ Er sagte: „Was meinst Du wohl von diesem, den Du höher geehrt hast als mich? Wenn Du mich bis zum Tag der Auferstehung zurückstellst, werde ich seine Nachkommenschaft verderben bis auf wenige.“
(17:61-62)
Und als dein Herr zu den Engeln sagte: „Ich bin dabei, auf der Erde einen Statthalter einzusetzen“, da sagten sie: „Willst Du auf ihr etwa jemanden einsetzen, der auf ihr Unheil stiftet und Blut vergießt, wo wir Dich doch lobpreisen und Deiner Heiligkeit lobsingen?“ Er sagte: „Ich weiß, was ihr nicht wißt.“
(2:30)

 Thematischer Teil zur Jahreslosung

„Ich werde dem Dürstenden von der Quelle des Lebenswassers zu trinken geben, umsonst.“

Offenbarung 21, 6

Schäfer:

Hohe Synode, über die Jahreslosung haben Sie aus unterschiedlichen Perspektiven in den Morgenandachten meditiert und nachgedacht.

„Ich werde dem Dürstenden von der Quelle des Lebenswassers zu trinken geben, umsonst.“

Ich blieb zuerst bei den Dürstenden hängen, von denen der Text spricht, und was deren Durst, deren Lebensdurst wohl ausmacht.

Mir fielen sofort Ratsuchende unserer Beratungsstelle ein, vor allem direkt Betroffene, also Menschen, die selbst in eine neue religiöse Gemeinschaft gegangen sind oder eine bestimmte spirituelle Methode ausprobiert haben.

Manch einer wendet sich einer neuen religiösen Gemeinschaft zu, weil ihn die Lehre und spirituelle Praxis so anziehen und er hofft, nun endlich die spürbaren Gotteserfahrungen zu machen, nach denen er sich so lange schon sehnt. Eine andere lebt ein Leben, das sie nie leben wollte, in einem Beruf, den sie selbst nie ergriffen hätte und in einer Partnerschaft, aus der lange schon das Leben gewichen ist und die sie nicht mehr erfüllt. Sie bricht damit und schließt sich einer esoterischen Gruppe an.

Existenzielle Defiziterfahrungen haben sich angesammelt, überschreiten einen kritischen Punkt und können zu umfassenden Lebenswenden führen.

Orhon:

Mir geht es ähnlich. Für viele, vielleicht sogar die meisten, die sich radikalisieren, beginnt es mit einer  Suche.

Das Bild des Durstes läßt sich gut damit verbinden.

Nicht alle suchen dabei ursprünglich spirituell, es fehlt ihnen aber etwas ganz Wesentliches, nach dem sie mehr und mehr dürsten.

Schäfer:

Ich denke an eine junge Frau, die auf der Suche nach

einer echten, wahrhaftigen, vor allem spürbaren Gottesbeziehung sich einer Meditations-WG in Ungarn angeschlossen hat und dort zwei Jahre lebte. Dort hat sie in einer gefährlich unseriös angeleiteten Meditation so massive Entgrenzungserfahrungen gemacht, dass sie jede Bodenhaftung verloren hat und erhebliche psychische Probleme bekam. Sie war nicht mehr arbeitsfähig, wurde krank und ist schließlich geradezu geflüchtet. Nach einer längeren Therapie begannen wir regelmäßige Gespräche über ihren Glauben, nein, über ihren Lebensdurst – das biblische Motiv passt hier besser.

 Orhon:

Mir fällt ein jugendlicher Mann von damals 15 Jahren ein, der nach der Scheidung seiner Eltern und den damit verbundenen Verlusterfahrungen nichts mehr brauchte als die Zuwendung seiner nun getrennt lebenden Eltern, um sich nicht völlig zu verlieren. Doch sein Vater, der eine neue Familie gründete, holte  immer nur die kleine Schwester zu sich. Dieser Mangel an Geborgenheit und Zuneigung war sozusagen sein Durst. Seine Mutter, der es nachvollziehbar selbst nicht gut ging in dieser Zeit, bemerkte seine Not viel zu spät. Über einen Schulfreund fand er eine neue Gemeinschaft mit anderen Jugendlichen in einer religiösen Gruppe. Zu den Älteren blickte er auf, sie kümmerten sich viel um ihn, hörten zu und verbrachten Zeit mit ihm. Endlich kam er an und fand einen Ort, an den er gehörte! Doch die Lehre, die sie vermittelten, half ihm nicht wirklich. Er wurde allmählich seiner Familie und seinem alten Umfeld entfremdet, mehr noch: in ihnen sollten seine Probleme ihre Ursache haben. Er entwickelte immer mehr Wut und Kummer und radikalisierte sich so immer mehr und wurde im Laufe der Zeit zum Dschihadisten. Heute sitzt er in Haft.

Man könnte sagen, das Wasser, dass er auf seiner Suche fand, war versalzen, je mehr er trank, desto mehr dürstete ihn, wuchs seine Wut.

Schäfer:

Es gibt einen Durst nach Leben, nach wahrhaftigem, erfüllenden Leben in jedem von uns.

 Orhon:

Wir sehnen uns nach Echtheit, nach Bedeutung und einem Sinn im Leben. Für viele von uns gehört eine erfahrbare Gottesbeziehung dazu.

 Schäfer:

Und jede und jeder von uns erfährt auch die Nichterfüllung solcher existentieller Sehnsucht. Wenn wir von Sekten, Psychogruppen oder Dschihadisten reden – so fragwürdig solche Rede oft sowieso ist – denken wir meist an andere. Uns betrifft das nicht, meinen wir vorschnell.

Die nach Leben Dürstenden sind aber wir selbst. Die der Quelle des Lebenswassers Bedürfenden sind wir alle.

Mit unserem Lebensdurst leben wir auf schmalem Grat. Wer kein Wasser findet, muss verdursten, wer versalzenes Wasser trinkt, muss immer mehr davon trinken, ohne doch je seinen Durst zu löschen.

Orhon:

In unserer Arbeit begegnen uns Menschen, die dem Sog des Immer-mehr-trinken-Müssens nicht mehr entkommen sind, und wir erleben die Auswirkungen auf die Betroffenen und ihre Umwelt.

In der Tagesschau sehen wir alle die Auswirkungen solcher Entwicklung im globalen Maßstab: New York, Paris, Berlin, Syrien, Indonesien usw. usw.

Schäfer:

„Ich werde dem Dürstenden von der Quelle des Lebenswassers zu trinken geben, umsonst.“

Unsere Arbeit können wir nur machen, wenn wir auch fragen, was denn die Quelle des Lebenswassers für uns ist.

Orhon:

Ich fühle mich geborgen. Ganz grundsätzlich getragen und befreit. Das war nicht immer so. Ich bin nicht religiös aufgewachsen. Es begann in der Schulzeit, eine Art Suche nach etwas Wesentlichen, dass ich damals nicht zu benennen vermocht, heute würde ich sagen, nach Gott. Etwas, dass meine Selbstzweifel überwinden half, suchte ich, auch den Stress zu bewältigen und Sorgen um die Zukunft. Das war mein Durst, wenn Sie so wollen! Und ich fand es. Oder, meine Quelle fand mich, möchte ich sagen. Ich lernte erst später, durch Koran-Lektüre und das Gebet, es in Worte gießen, doch ich wusste schon, dass ich es gefunden hatte. Mein Gott gibt mir Ruhe und Geborgenheit. Doch nicht immer und von selbst, ich suche dieses Gefühl im Gedenken Gottes, im Gebet und im Koran.

Schäfer:

Meine Mutter lehrte uns beten, meine Schwester und mich, jeden Abend. Sie lehrte uns vor allem, dass es zwischen uns und Gott keine Instanz geben könne, dass wir uns immer an ihn wenden können, wann immer wir es brauchten. Und dass Gott sich in Jesus zu erkennen gibt, weil ich ihn, den Unergründlichen aus eigener Kraft doch nicht finden könnte. Er gibt mir Wasser umsonst, oder wie Sie, Herr Orhon, es eben gesagt haben: die Quelle findet mich!

Dass er mich und damit alles und immer sieht, hat mich nie besorgt. Ich weiß, dass andere Menschen unter diesem Aspekt unseres Gottesbildes auch leiden. Mir ging es nie so. Mir begegnet im Gebet die Wahrheit meines Lebens, aber ich habe mich immer aufgehoben gefühlt, bewahrt, vor allem angenommen, bedingungslos. Das hat sich bis heute nicht geändert.

Orhon:

Der Anspruch in unserer Arbeit ist auch ein religiöser! Für Herrn Schäfer sowieso, qua Amt sozusagen. Und bei mir aus meinem persönlichen Selbstverständnis als Muslim.

Wie können wir helfen? Können wir den Dürstenden die Quelle des Lebenswassers, die unseren Durst stillt, zu trinken geben?

Schäfer:

Im Zweifelsfall können wir genau das nicht!

„Ich werde dem Dürstenden von der Quelle des Lebenswassers zu trinken geben, umsonst.“

Ich werde zu trinken geben!“ – Das sind nicht wir! Und das dürfen wir nicht verwechseln! Das genau ist der schmale Grat, auf den wir achten müssen in der Begegnung mit Ratsuchenden. Das genau ist die Grenze, die wir alle beachten müssen, in der Begegnung mit anderen Religionen und Weltanschauungen, ja ich glaube sogar, in der Begegnung mit denen, die meinen eigenen Glauben teilen. „Wir sollen Menschen sein und nicht Gott!“, sagt Luther, und weißt damit auf diese wichtige Grenze hin.

Orhon:

Wir können in unserer Beratungsarbeit von unserem Vertrauen und unserer Glaubensgeschichte erzählen. Aber wir können sie niemandem aufzwingen. Nur, wie sie sagen würden, Zeugnisgeben. Das gefällt mir gut. Ich meine, im Kontext religiöser Pluralität gibt es dazu keine Alternative.

Schäfer:

Zeugnisgeben müssen wir, finde ich. Erzählen von der Wahrheit, die sich uns erschließt, und streiten um sie auch. Aber stets in dem Bewusstsein, dass letztlich Gott den Dürstenden von der Quelle des Lebenswassers zu trinken gibt, und nicht wir!

Wir begleiten Menschen, die zu uns kommen, auf ihrem Weg, auf ihrer Suche nach der Quelle ihres Lebenswassers. Dieser Weg ist nach vorne offen! In die Offenheit der Zukunft Gottes mit uns hinein. 

Liebe Synodale, liebe Schwestern und Brüder,

seien Sie gewiss: wir sind die, denen Gutes angesagt ist! Gegen das Weltgericht und die düsteren Untergangsbilder, gegen alle Apokalypsen, auch die menschengemachten dieser Welt füge ich hinzu, heißt es unmittelbar im Abschnitt vor unserer Jahreslosung:

„Er wird abwischen jede Träne von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, und kein Leid, kein Geschrei und keine Mühsal wird mehr sein.“ (Offb. 21,4) 

„Ich werde dem Dürstenden von der Quelle des Lebenswassers zu trinken geben, umsonst.“

Amen.